Die Gründung und Entwicklung der Strombezugsgenossenschaft Saig eG waren eng mit der damals
noch starken Landwirtschaft verbunden, aber auch als Beispiel dafür, was Wagemut, Gemeinsinn und Zusammenhalt zu schaffen vermögen.
Land- und Forstwirtschaft ist von der Natur geprägt Um die persönliche Arbeitskraft zu erleichtern, wurden Pferde, Ochsen, Kühe als Zugvieh eingesetzt, gerne erinnern sich die älteren Bewohner aus
Saig an diese Zeit.
Das Wasser wurde nicht nur als Lebenselixier genutzt. Schon früh wurde es in Weihern und hinter Stauwerken gesammelt, musste es Wasserräder treiben und diese wieder Mühlen, Sägen, Dreschmaschinen und
vieles mehr.
Diese Energie war vom Umfang her gering, von Niederschlägen abhängig und deshalb nur zeitweise verfügbar. Wasserreiche Bachläufe liegen regelmäßig im Tal, sind hochwassergefährdet und von der
Ortslage her sehr oft mit Nachteilen verbunden.
Ein Transport dieser Energie über weitere Strecken war nicht möglich.
So standen Vorteilen erhebliche Nachteile gegenüber.
Die vor und nach 1900 entstandenen Kraftwerke hatten diese Nachteile nicht.
Sie erzeugten große Mengen Energie, die beliebig transportiert werden konnten.
Das große Problem für die Bevölkerung auf dem Lande war, dass der Anschluss an das Stromversorgungsnetz viel Geld kostete.
Die meisten Familien hatten jedoch meinst keine finanziellen Mittel. So tat sich auf dem Lande zunächst recht wenig.
Der erste Weltkrieg unterbrach diese Entwicklung, konnte sie aber nur bremsen und verlagern, jedoch nicht verhindern.
Der Krieg ist der Vater aller Dinge, so könnte man versucht sein zu sagen, wenn man die ersten Eintragungen im Protokollbuch in schön geschwungener Handschrift liest.
Weniger schön, dafür aber realistischer: Zur Steigerung der Rüstungsproduktion wurde 1918 eine Stromleitung von Titisee über Saig zur Uhrenindustrie nach Lenzkirch gebaut.
Der Krieg war - Gott sei Dank - früher zu Ende, als die Leitung vertiggestellt werden konnte.
Die Leitung überstand alle Wirren dieser Zeit, versah ihren Dienst bei Wind und Wetter - manchmal auch nicht - dann wurde es dunkel.
Sie überstand auch einen zweiten Krieg, die Nachkriegszeit und wurde erst nach über 60 Jahren guter Dienste durch einen Neubau ersetzt.
Diese Leitung war für einige Saiger schon 1918 Anlass genug, über die Zukunft
mit Strom nachzudenken.
Die Mehrzahl hielt Strom und auch andere Dinge für Teufelszeug, weil vor allem kostenträchtig,
und so war es kein Wunder, dass der Bürgerausschuss nicht so wollte, wie manche
Bürger dies wünschten. Mit den Hühnern ins Bett, mit diesen allerdings auch wieder aufstehen,
ein solcher Tag war lang genug für die täglich zu verrichtende schwere Arbeit.
Und ausgeschlafen hatte man dann allemal; zu was dann Strom!
Wenn nicht mit – dann ohne Gemeinde, so dachten diese Bürger, überzeugt vom Fortschritt
durch Strom, kratzten ihre restlichen Groschen zusammen und stellten beim KWL Antrag auf
Anschluss an das Versorgungsnetz.
Das KWL wartete schon lange auf solche Anträge, hatten die Experten doch schon Jahre vorher
bei der Planung und dem Bau des Rheinkraftwerkes ausgerechnet, dass unsere Welt dereinst
bis in den hintersten Winkel des Waldes erleuchtet sein müsse und sein werde.
Aus dem Geld, gestifteten Masten und Schulden - diese Methode ist uns Bürgern nicht
so fremd entstand eine Trafostation und Leitungen in alle Richtungen.
Keine Rede von Naturverschandelung, Beeinträchtigung des Naturgenusses usw.
Die Leitungsmasten waren Zeichen des Fortschritts, trotz eines oder gerade deswegen verlorenen Krieges.
Die Stromversorgung Saig - ein loser Zusammenschluss anschlusswilliger
Bürger - war geboren!
Es war ein großer Tag für alle, für die Anschlussnehmer, die Geldgeber
und Spender, insbesondere aber für den unermüdlichen Vorkämpfer
in dieser Sache, Paul Faller, als die angeschlossenen Häuser zum ersten Mal, am 25. April. 1920, im Glanz des neuen Lichtes - Glühbirnen mit 15 Watt - erstrahlten und der erste Motor auf Knopfdruck
eine Maschine antrieb.
Der Stromverbrauch der ersten Jahre hielt sich in Grenzen.
Der 1. Jahresverbrauch erreichte noch nicht einmal 5.000 kWh, eine heute kaum glaubhafte Zahl.
Der Umsatz dagegen stieg gewaltig und erreichte Milliardenhöhe. Es war die Zeit des wirtschaftlichen Niedergangs und der Inflation. Trotz alledem zeichnete sich bald eine Besserung ab. Der Stromverbrauch im ganzen Land stieg und so begann der Bau der Schluchsee-Stauanlage.
Der damit verbundene Wasserentzug der Haslach wurde nach zähen Verhandlungen mit einem Freikontingent Strom von 10.000 kWh/Jahr abgegolten, außerdem erhielten die betroffenen Landwirte eine
Wasserentschädigung in Form von Düngemitteln,
die erst vor einigen Jahren abgelöst wurde.
Um diese Zeit versuchten Bezirksamt und Gemeinde, die Stromversorgung in die Gemeindeverwaltung zu übernehmen, jedoch ohne Erfolg. Die Beteiligten waren stolz auf das von Ihnen Geschaffene und
lehnte eine Übertragung auf die Gemeinde, ob mit oder ohne Entschädigung, rundweg ab.
Hierbei ist es bis heute geblieben. Fast alle Gemeinden im Hochschwarzwald haben ihre Anlagen verkauft. Die Stromversorgung Saig eG erfreut sich nach wie vor bester Gesundheit.
1930 war der Stromverbrauch auf 12.710 kWh und 2.840 RM Erlös gestiegen. Die einzige Trafostation am Ortseingang konnte die kilometerlangen Leitungen nicht mehr ausreichend versorgen. Der Spannungsabfall wurde zu groß.
Inzwischen waren weitere Anschlussanträge eingegangen.
Es wurde der Bau einer zweiten Station
und die Erweiterung des Leitungsnetzes erforderlich.
Nach bewährter Methode sollte
die Finanzierung wieder mit Beiträgen, Spenden und Schulden
erfolgen, zuvor aber eine rechtlich klare Grundlage geschaffen
werden. Die lose Vereinigung wurde Genossenschaft,
die Stromabnehmer Genossen
unter Übernahme von Geschäftsanteilen
und zusätzlicher Haftsummen. 1932 erfolgte der Eintrag im Register.
Der Geschäftsanteil wurde auf 30,00 RM festgesetzt, die Haftsumme nochmals auf den gleichen Betrag und so brachten 67 Mitglieder ein Kapital von 20.10,00 RM auf, das in Jahresraten von 3,00 RM eingezahlt werden musste.
Die zweite Station wurde im hinteren Mühlingen gebaut und an die 15.000 Volt Leitung des KWL angeschlossen. Damit ergab sich eine erheblich verbesserte Stromversorgung.
Bis auf wenig Häuser in der Gemeinde Saig waren alle Gebäude jetzt auch Stromabnehmer.
Die folgenden Jahre brachten wirtschaftliche Erholung und damit bessere Verkäufe und Umsätze:
im 1936 - 21.357 kWh 3.995,00 RM
im 1939 - 25.641 kWh 5.016,00 RM
im 1940 - 33.760 kWh 6.118,00 RM
Die Rüstungs- und Kriegsanstrengungen brachten weitere Steigerungen,
allerdings ohne jede Wertschöpfung.
im 1942 - 49685 kWh 8.230,00 RM
im 1944 - 78008 kWh 11.469,00 RM
im 1945 - 87.275 kWh 14.074,00 RM
Die Kriegsjahre brachten nicht nur starke Umsatzsteigerungen bis zu 50 %, sondern auch Rückschläge für die Zukunft. Mit den Kirchenglocken wurde auch der Großteil
der Kupfer-Freileitungen abgebaut und durch rostende Eisenseile entschädigungslos ersetzt.
Der Stromabsatz ging trotz erheblich gestiegener Einwohnerzahl auf 58.548 kWh in 1946 zurück
bei einem Erlös von 9.917,00 RM, war aber trotz allgemeiner Flaute mehr als doppelt
so hoch als 1939.
Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg
Neuer Mut und neue Tatkraft kamen mit der Währungsreform.
Rastlos und überall wurde gearbeitet, investiert, gebaut, repariert und angeschafft, ob im Haushalt,der Landwirtschaft, dem Gewerbe
und der Industrie. Jeder Einzelne hatte Ziele vor Augen,
die er sich unbedingt erfüllen wollte.
Schon bald zeigte sich, dass weder die vorhandenen Stationen noch das eiserne Leitungsnetz den neuen Ansprüchen gewachsen waren. Hinzu kam die große Ausdehnung des Versorgungsgebiets, vom Titisee bis
zur Burgruine "Schloß Urach", von der Falkenmatte bis zum Hochfirstturm
auf ca. 1200 m Meereshöhe, es wollten alle Abnehmer mit bestmöglicher Spannung und Leistung versorgt sein.
Groß waren die Probleme in der Landwirtschaft mit schweren Maschinen und Gebläsen.
Meist war das Heu zu gleicher Zeit trocken – oder auch nicht – und fast gleichzeitig setzten
die Trockner und die Gebläse ein.
Die Folgen waren übel, Stromausfälle waren an der Tagesordnung.
Diese Spitzenlasten wurden zudem nur an wenigen Tagen im Jahr erreicht, die übrige Zeit wurde
die Kapazität nicht genutzt.
Verbrauchsentwicklung:
Vorstand und Aufsichtsrat der Genossenschaft taten alles, um mit dieser Bedarfssteigerung Schritt zu halten.
Die Eisenteile wurden durch Kupfer mit größerem Querschnitt ersetzt, stärkere Masten wurden aufgestellt und dann mit dem Aus- und Neubau von Stationen begonnen.
So entstanden bis 1974 sechs neue Stationen, verteilt über das gesamte Versorgungsgebiet. Außerdem wurde von der Gemeinde Lenzkirch der Ortsteil "Schloß Urach" zur Versorgung übernommen und dort ein neues Leitungsnetz samt Station aufgebaut.
Des weiteren wurden im zentralen Ortsbereich Freileitungen und Dachständer abgebaut und durch Kabelleitungen ersetzt.